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ADHS und Urlaub: Warum Übergänge so schwierig sind - ein Erfahrungsbericht

Das Kolosseum, wie stimmungsvoll - aber auch ungewohnt, weit weg und reizüberflutend
Auch das schönste Urlaubsziel liegt leider bei ADHS außerhalb der Komfortzone

 

Als wir von der Diagnose noch weit entfernt waren, fiel uns bereits auf, dass das Töchterlein große Schwierigkeiten mit Abschieden, Ortswechseln, Umzügen und Beendigung bestimmter Situationen hatte. Auffällig dabei: Auch Übergänge in an sich positivere Zustände vertrug sie nicht gut. Bei jedem Urlaub flippte sie nach zwei, spätestens drei Tagen aus, war misslaunig, brüllte am Strand herum, sie wolle „keinen Sand mehr sehen!“, und überhaupt, sie wolle heim, sie habe genug. Dabei waren wir damals in äußerst kinderfreundlichen Familienhotels mit Pools, Meer, Strand, Buffets voller Kinderspeisen und jeder Menge Bespaßung allerorten.

 

Mein Mann und ich waren stets ratlos. Es war doch so schön, wir hatten lange darauf gewartet, uns gefreut, viel Geld ausgegeben, und bei der Planung so viel Rücksicht auf die Kinder genommen. Wieso gefiel es ihr nicht, wie konnte das denn sein?

 

Na toll, jetzt sind wir im Urlaub auch wieder „die mit dem brüllenden Kind“

 

Natürlich waren wir frustriert. Als reichte es nicht, daheim die mit dem schwierigen Kind zu sein! Jetzt mussten wir auch im Urlaub die Blicke aushalten, das schreiende und um sich schlagende Kind vom Pool wegtragen, ihr Gemaule aushalten, mit ihr unzählige Stunden im Hotelzimmer sitzen, weil sie nicht mehr hinauswollte. „Der ist nichts jemals gut genug“, erinnere ich mich damals unter Tränen zum GöGa gesagt zu haben.

 

Was wir nicht wussten: Für sie war das nicht einfach ein schöner Jahresurlaub. Lang ersehnt, gut geplant, zeitlich begrenzt, teuer bezahlt. Für sie war es ein Wegfallen aller Routinen und Gewohnheiten, die sie so sehr brauchte. Ja, Mama und Papa und ihr Bruder waren da. Aber ansonsten war nichts wie daheim. Und da war es egal, ob es „besser“ oder „schlechter“ war – es war eben nicht ihre Komfortzone.

 

Unvergessen auch unsere Woche in Rom an Ostern – heute lachen wir darüber, vor Ort waren wir entgeistert. Das Töchterlein hatte „Urlaub“ als Strand, Meer und Hitze abgespeichert, da wir im August ans Mittelmeer zu reisen pflegten. Zu der Zeit war es nicht nur kalt in Rom, wir waren auch nicht am Wasser, sondern schauten uns die Stadt an. Aus Sicht des Töchterleins war das aber kein Urlaub – sie wurde von einer „wangweiligen“ Großstadt in eine andere verfrachtet. Es gab nicht mal einen Pool! Sie boykottierte den kompletten Aufenthalt. Weigerte sich zu laufen und ließ sich nur auf den Schultern ihres Vaters durch die Stadt tragen. Sie war fünf und schwer. An der ersten Ecke ließ sie sich von uns bei einem Straßenhändler einen bunten Stoff-Oktopus kaufen, der, je nachdem, wie man ihn umstülpt, zwei Gesichter hat: Ein freudiges und ein missgelauntes.

 

„Okti“ wurde in diesem Urlaub ihr Alter Ego, und sein freudiges Gesicht sahen wir kein einziges Mal. „Okti mag die Spanische Treppe nicht“, verkündete Töchterlein mit Grabesstimme, als wir mittendrauf standen. „Okti findet das Kolosseum wangweilig“, ließ sie uns in besagtem Gebäude wissen. „Okti hat Hunger“, informierte uns das Kind – das hatte er ständig. In der Stadt von Pizza und Pasta entdeckte das Töchterlein allerdings den Hot Dog-Wagen in der Villa Borghese für sich und verweigerte danach alles andere. SIE WOLLTE HOT DOGS! UND OKTI AUCH!

 

Gestatten, Okti. Er könnte auch gutgelaunt, aber eben nicht in Rom
Gestatten, Okti. Er könnte auch gutgelaunt, aber eben nicht in Rom

 

Wir mussten in den paar Tagen ein einziges Mal die Unterkunft wechseln. Das Töchterlein weinte hemmungslos. Sie wollte dort bleiben. Sie wollte nicht in eine andere Unterkunft! Spätestens da war uns klar, dass das kein ganz normales Verhalten einer Fünfjährigen war.

 

Ich könnte unzählige derartige Situationen aufzählen. Dramen, Verzweiflung, Hilflosigkeit. Hätten wir damals gewusst, was wir heute wissen, wir hätten tunlichst jeden Unterkunftswechsel in unseren Urlauben vermieden, um sie nicht zu überfordern. Der ganze Ortswechsel an sich war für sie ja schon eine einzige Reizüberflutung und Verunsicherung.

 

Auch der Alltag steckt voll nervenaufreibender Übergänge

 

Aber auch im Alltag hatte sie zu kämpfen. Abschiede? Ganz schlimm. Während andere Kinder fröhlich winkend in Autos stiegen und wegfuhren, rastete meine Tochter komplett aus. Sie versuchte, die Abschiede hinauszuzögern, indem sie sich versteckte, weglief oder sich weigerte, mit uns mitzukommen.

 

Ortswechsel, besonders nach spannenden, spaßigen Stunden wie im Freizeitpark oder Zoo, auf Volksfesten, Spielplätzen, in Wildparks, Schwimmbädern etc. – ganz schlimm. Teilweise klammerte sie sich an Zäunen oder Pfosten fest, damit man sie nicht wegbrächte. Auch Argumente wie Schließzeiten, das Erwischen letzter Busse des Tages oder Kopfschmerzen / Durchgefrorensein meinerseits zählten nicht.

 

Der Endgegner war das Kino: Die riesige Leinwand, die Dunkelheit, die ungewohnte Umgebung, die Aufregung und Ungewissheit, die fremden Menschen um sie, die Lautstärke und Wucht einer guten Geschichte, das alles überwältigte sie komplett. Mehr als einmal brach sie heulend vor dem Kinosaal oder in der U-Bahn danach zusammen, schrie, heulte, stellte unmögliche Forderungen, was sie JETZT SOFORT haben wollte, meist Essen. Das schien sie immer zu beruhigen, vielleicht half es dabei, ihren reizüberfluteten kleinen Kopf auf eine ganz simple Sache wie kauen, schmecken und schlucken zu konzentrieren.

 

Popcorn am Start, es kann losgehen! Kino kann aber auch zu aufregend werden
Popcorn am Start, es kann losgehen! Kino kann aber auch zu aufregend werden

 

Seit wir von ihrer ADHS wissen, treffen wir Vorkehrungen. Vorbereitung ist das A und O. Wir kündigen Urlaube immer wieder an, zeigen ihr Fotos vom Urlaubsort, erklären, was wir dort zu tun und anzusehen gedenken, was es zu Essen geben wird. Wir sorgen dafür, dass sie – im Rahmen der Möglichkeiten – möglichst viel Vertrautes dabei hat, das sie beruhigt und ihr „Normalität“ vermittelt.

 

Machen wir Ausflüge oder besuchen Freunde, planen wir Puffer ein, damit nichts abrupt beendet wird, und bereiten das Kind sanft mit wiederholten Erinnerungen an den bevorstehenden Aufbruch darauf vor, dass es bald vorbei sein wird.

 

Je älter die Tochter wird, desto besser klappt das. Und wenn sie dann doch quengelig wird und unsere Pläne durchkreuzt, gestehen wir ihr das zu. Wir wollten die Kathedrale von Málaga ansehen, das Töchterlein will den ganzen Tag am Pool bleiben, sie will partout nicht in die Stadt? Dann bleiben wir am Pool. Am nächsten Tag ist sie dann voll Entdeckerdrang und kommt gern mit – es soll ja auch einen Stadtstrand geben, an dem man nach der Kathedrale baden kann! Okti fände das gut. Bestimmt.

 

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